Zu Fuss in 4 Tagen von Genf nach Solothurn

Eigentlich wollte ich von Genf bis nach Hause laufen aber das hat mein Körper dann leider nicht ganz mitgemacht. Statt nach 5 Tagen in Auenstein AG endete meine Tour durch schlimme Schwerzen am linken Knie am Abend des 18.07.2019 nach 4 Tagen und 195 km in Solothurn. Erst war ich enttäuscht, aber wenn ich es jetzt so auf der Karte ansehe, bin ich geflasht, wie weit ich ganz alleine mit allem nötigen Gepäck im Rucksack gekommen bin.

Die Planung des Gepäcks war eine grosse Herausforderung, es durfte nur das Nötigste mit aber es musste alles dabei sein, um im Zelt irgendwo im Wald übernachten zu können und zusätzlich viele nötige Dinge wie ein Handtuch, Wechselsachen, Verbandszeug, ein Taschenmesser, ein improvisierter Kochtopf, um selbst am Lagerfeuer Nudeln kochen zu können, eine Stirnlampe, eine grosse Powerbank und und und…

Alles in allem wog mein Running-Rucksack inklusive 2 gefüllten 750ml-Wasserflaschen dann 6.7 kg. Meine Bauchtasche inklusive angebundenem Schlafsack und 2 Wasserflaschen à 330 ml brachte 1.2 kg auf die Wage.

So bepackt stieg ich am Montag, dem 15.07.2019 in den Zug nach Genf.

Einfahrt des Zuges nach Genf am 15.07.2019 um 6:30 Uhr in Aarau

Tag 1, 15.07.2019 (Montag), 42 km:

Angekommen in Genf hab ich mir erstmal noch eine 150g Dose Penaten-Creme in der Apotheke gekauft. Was gut ist für wunde Baby-Popos, heilt nämlich auch aufgeriebene Hautstellen. Sehr gute Entscheidung- das nächste Mal würde ich mir die Creme aber in geringerer Menge vorher abfüllen.

Noch schnell was gegessen und aufs Klo und dann gings los Richtung See. Es war windig. Der Anblick des aufgewühlten Genfersees war für mich an dem Tag immer wieder überwältigend- ein richtiges Meer.

Blick auf Genf

Die ersten 4 Kilometer führten über begrünte Strandpromenade, einfach wunderschön dort zu laufen. Später ging`s dann lange Zeit einer Hauptstrasse entlang vorbei an Konsulaten und Villen, dann durch kleine Ortschaften. Alles Asphalt, ich war mit meinen Trailrunningschuhen etwas unpassend angezogen, die sind für Naturwege gemacht. Immerhin musste ich nicht auf den Strassen laufen, die Gegend am Genfersee ist für Fussgänger und Velotourismus gut erschlossen. Als ich (auf Geocache-Suche) die Hauptstrasse gegen 11 Uhr am Bellevue einmal Richtung See verliess, wurd ich auf dem Steg unfreiwillig von oben bis unten geduscht. Ja, wie gesagt, es war windig und der See war wild. War nach dem ersten Schreck aber nicht unangenehm und trocknete viel zu schnell wieder.


Am Nachmittag liess der Wind dann nach und es wurde immer wärmer. Bei der Rast kurz vor Nyon (km 24) wars recht heiss. Ich sass am Strassenrand auf einer Mauer im Schatten und hab noch ein Milchbrötchen gegessen, das ich früh am Bahnhof gekauft hatte und vor allem viel getrunken. In Nyon gabs dann Glacé und Redbull, neben Aprikosen meine Hauptenergiespender der ganzen Tour, und ich hab noch einen Geocache gefunden. Weiter gings bis zum Denner in Gland (km 30). Während ich jetzt schreibe und nachrecherchiere, fällt mir auf, dass hier Michael Schuhmacher seine Villa hat. Egal, bin ich nicht direkt vorbeigekommen, der Denner war interessanter 🙂

Es war ca. 16 Uhr und die Sonne brannte. Immer wieder machte ich meinen Sonnenschutz (einen über den Kopf gezogenen Stoffschlauch) in Brunnen nass und erreichte so gegen 18 Uhr das hübsche historische Städchen Rolle an der nördlichen Spitze des Genfersees.

Le château de Rolle
Ile de la Harpe (Rolle, Genfersee)

Ich füllte an einem Brunnen am Schloss an der Strandpromenade meine Wasservorräte auf, duschte auf dem Campingplatz und wusch dort auch noch schnell (mit einer mitgenommenen Schüssel und Handwaschmittel) meine durchgeschwitzten Laufklamotten, kaufte ein paar Lebensmittel ein und badete 19 Uhr in der letzten Abendsonne noch einmal kurz im Genfersee.

Des Genfersees bei Rolle in der Abendsonne

Dann wanderte ich die ca. 2 km hoch zum Weinbaudorf Perroy. Die über Google-Earth als Übernachtungsmöglichkeit ausgemachte Baumgruppe entpuppte sich als idealer Platz zum campen mit wunderbarer Aussicht auf den See. Dort schlug ich mein Zelt auf und verdrückte in der Abendsonne das gekaufte Birchermüsli.

Perroy VD: idyllisches Dörfchen mit herrlicher Aussicht auf den Genfersee
mein Schlafplatz am Ende des ersten Trailtages

Dann gings in die Heia. Durch die vielen Geräusche der Natur (überall raschelte irgendwas…) und weil ich keine Matte dabeihatte, konnte ich lange nicht einschlafen. Es zog in den Beinen (ich war seit Wochen nicht weiter als 9 km gerannt, die Belastung war doch ungewohnt) und es war halt unbequem. Aber ich hatte noch Glück, da der Boden mit einer Schicht getrockneter Gräser bedeckt war. So war es nicht ganz so hart. In dieser unruhigen Nacht gegen 3:30 Uhr hat mich dann noch ein Igel besucht.

nächtlicher Besucher

Tag 2, 16.07.2019 (Dienstag), 54 km:

Erster Eindruck beim Aufwachen 7 Uhr: den Beinen gings wieder viel besser als am Abend zuvor, aber der Rücken tat weh vom auf dem harten Boden Liegen und es war kalt (nur 12 Grad) und der Schlafsack war so schön warm. Also hab ich erstmal noch ne halbe Stunde rumgelegen und die Füsse massiert und versucht, in die Gänge zu kommen. 7:30 Uhr fühlte ich mich wieder einigermassen beweglich und gut und war bereit für die Fortsetzung des Abenteuers. Also hab ich Schlafsack und Zelt zusammengepackt und all meine Sachen auf die von der Morgensonne erwärmte Wiese gelegt. Kurz nach 8 Uhr war alles soweit zusammengepackt und ich hab auf der Wiese sitzend die am Abend zuvor gekauften Zitronenküchlein verdrückt und Orangensaft getrunken. Dann Zähneputzen, Kontaktlinsen einsetzen und noch ein Gang aufs Natur-WC und ich startete 9 Uhr in Richtung Neuenburgersee.

Die ersten 3 km über Féchy nach Aubonne waren beschwerlich, da es nur eine gut befahrene Hauptstrasse ohne Fussweg gab. Also nutzte ich jede kurze Gelegenheit, um auf der Strasse zu joggen, um mich dann gleich wieder an den Rand zu stellen und die nächsten 3 Autos durchzulassen.

Weinbau in Féchy

In Aubonne wich ich dann auf eine unbefahrenere Nebenstrasse aus und kam gegen 12 Uhr Mittags sehr überhitzt und erschöpft am Bahnhof Yens an. Ein kleiner Dorfbahnhof, aber es gab einen Selecta-Automaten und unter der Nr. 54 gabs ein grosses Redbull. Ich also 5 CHF reingesteckt und die 54 gedrückt aber statt die Erfrischung auszuspucken meldete das Ding, dass Platz 54 leer wäre. Nächster Versuch: 53 (kleines Redbull): Maschine meldete wieder Fehler. 52 gedrückt (auch voll mit 250ml Redbull): doofes Ding meinte: is leer. Ich war so frustriert, dass ich unter Fluchen dann irgendwas gedrückt hab. Maschine rappelte fröhlich und unten raus kam ein hässliches Bifi für 3.50 CHF. Ich hätte heulen können! Nun gut, also letzter Versuch, nochmal ein paar Taler nachgeworfen und die 51 gedrückt und welch Wunder: kurze Zeit später kaute ich auf einer Bank im schattigen Wartehäuschen lustlos auf dem doofen Bifi rum und hatte immerhin ein Redbull zuckerfrei. Besser als nix und es gab mir wieder etwas Kraft. Ich war erst bei km 12 von über 50 an dem Tag.

Blick zurück zum Genfersee

Weiter gings über in der Mittagssonne glühende Asphaltwege an Roggen- und Maisfeldern entlang. An jeder Steigung (und es gab viele) bin ich marschiert. Ich hab an dem Tag immerzu getrunken und das Wasser mit Salzkapseln präpariert. Immer wieder kleine menschleere Dörfer.


Äcker soweit man schauen kann
Aussichtspunkt bei Vuillierens Kanton Waadt

An jedem Brunnen hab ich mein Kopftuch nass gemacht und zählte die Kilometer bis zum nächsten grösseren Ort Cossonay (bei km 26). Gegen 15 Uhr kam ich dort völlig erschöpft und ausgelaugt an und die Aussicht, noch 28 km bis Yverdon vor mir zu haben, machte die Stimmung nicht besser. Ich war echt fertig und frustriert. Durch die Hitze und das Gepäck kam ich im Schnitt nur mit 5 km/h vorwärts, da ich zwar so oft es ging joggte (mit einer Pace von 8 bis 8.30 min) aber auch viele Pause brauchte.

Ich hab dann wirklich erstmal eine halbe Stunde ausgeruht, mir Orangensaft, Bananen und Eis gekauft und das zeigte Wirkung. 15:30 Uhr gings weiter mit neuer Energie und ich merkte bald, dass das Laufen angenehmer wurde. Die Sonne stand nicht mehr so hoch und die Krise im Kopf war vorerst überwunden, ich hatte ja schon mehr als die Hälfte der Tagesstrecke geschafft.

Verpflegung in Cossonay

Die nächste Krise kam aber schon wenig später beim Überwinden des 200m-Hügels nördlich von Eclépens. Wenigstens konnte ich dort an einem Trinkwasserbrunnen am Wanderweg bei km 33 meine Trinkwasservorräte auffüllen und mich selbst erfrischen. Die elende Kletterei führte mich an einem riesigen Steinbruch vorbei. Der Abstieg war dann mühsam, weil der Pfad zugewachsen und kaum sichtbar war. 17:30 Uhr hatte ich den Hügel jedenfalls geschafft, noch 17 km! Das eigentliche Tagesziel Yvonand war durch das langsame Vorwärtskommen und einige Irrwege an dem Tag unrealistisch geworden, ich wollte nur noch am Neuenburgersee ankommen und dann auf den nächstbesten Campingplatz.

Eine Stunde später in Chavornay bei km 42 waren meine Wasservorräte fast aufgebraucht und in dem Dorf gabs keine brauchbaren Läden, um Getränke zu kaufen und nur Brunnen mit der Aufschrift „Eau non potable!“. Also bin ich in meiner Verzweiflung in einen Feinkostladen (dort gabs Käse und andere Spezialitäten) und fragte nach Wasser. Die nette Inhaberin füllte meine beiden Flaschen auf und dann hab ich kurzerhand auch noch ein Fussbad in einem der Dorfbrunnen mit nichttrinkbarem Wasser genommen. Es war 18:45 Uhr und ich war gewappnet für die letzten 12 km.

Fussbad in Chavornay

Ab jetzt ging es nur noch geradeaus die Bahngleise entlang aber es zog sich. Ich folgte einem endlosen Betonweg an einem Acker entlang. Traktoren waren unterwegs, ein paar Autos und Velofahrer. Ich zählte die Kilometer rückwärts. 20 Uhr und ich sah das noch ca. 5 km entfernte Yverdon!

Kurz vor 21 Uhr erreichte ich nach 54 gelaufenen Kilometern mit letzter Kraft den Campingplatz Yverdon-Plage und checkte dort unter den neugierigen Blicken der anderen Camper ein (so ein Zelt hatten sie wohl noch nie gesehen…).

Auf dem Campingplatz Yverdon-Plage

Ich fühlte mich so schwach, dass ich beschloss, den nächsten Tag Pause zu machen und einen Tag länger in Yverdon zu bleiben und fand nach dem Duschen noch ein naheliegendes Restaurant, in dem ich 21:45 Uhr noch eine grosse Portion Spaghetti Arabbinata bekam.

Das war lecker!

Dann versuchte ich zu schlafen. Es war Vollmond und ich beobachtete durch mein durchsichtiges Zelt das Schauspiel der partiellen Mondfinsternis. Es war hart (warum hatte ich Dubbel nur keine Matte mitgenommen?) und um mich rum schnarchten alle. Wieder eine erholsame Nacht…

Tag 3, 17.07.2019 (Mittwoch), 42 km:

Ich erwachte 6 Uhr aus dem Halbschlaf einer schrecklich nervigen Nacht, alles tat einfach nur weh und um mich herum schnarchte es immernoch. Boah, war der Weg zum Klo lang und anstrengend. Ich konnte nur humpeln, an Rennen war heute wirklich nicht zu denken. Wieder zurück beschloss ich, diesen nervigen lauten Ort zu verlassen. Die nächste Nacht wollte ich wie eigentlich geplant im Wald bei der ca. 5 km entfernten Waldhütte bei Yvonand verbringen. Also packte ich zusammen, wusch meine stinkigen Sachen vom Vortag und meldete mich 8 Uhr an der Rezeption, um die eine kurze Nacht zu bezahlen. 27.40 CHF fand ich dann doch echt viel für die Nutzung von 2 m2 Wiese ohne Frühstück…

Ab dann machte ich jedenfalls Sideseeing in Yverdon, verspeiste ein Pain au Chocolat und ein Choco-Croissant zum Frühstück und ging geocachen. Meine nassen Rennersachen hingen derweil zum Trocknen am Rucksack. Ich merkte an dem Tag sofort, dass der Rucksack rieb, die Haut war vom stundenlangen Tragen wund geworden. Kurzerhand fand ich aber eine wirksame und praktische Lösung: ich cremte die wunden Stellen dick mit Penaten-Creme ein und stopfte meine noch nasse gefaltete Unterhose sowie die gewaschenen Laufsocken unter die Gurte. So gepolstert, tat nichts mehr weg. Ja und auch das Laufen ging wieder. So 10:30 Uhr fühlte ich mich gestärkt und recht fit und mir gingen die Ideen aus, den Tag herumzubringen, aber für über 60 km wars ja irgendwie auch zu spät und eigentlich ists ja auch gar nicht so unangenehm, einfach mal nix zu tun. Dann meinte jedenfalls plötzlich Valentin über Whatsapp, meine um 7 Uhr gewaschenen Sachen wären ja jetzt sicher trocken und ich könnt mir ja gut ein neues Ziel stecken, z.B. 40 km. Hmmm. Ja dann. Na gut. Also ein realistisches Tagesziel gesucht (der 42 km entfernte Campingplatz Culdrefin), umgezogen und los. Ich fühlte mich wirklich wieder fit, die leckeren Spaghetti vom Vorabend hatten mir Kraft gegeben.

Nach 90 min auf Asphalt in der prallen Sonne (45min davon einer Hauptstrasse ohne Radweg entlang) erreichte ich den Coop Yvonand. Nein, das Laufen machte gerade keinen Spass, die Strecke war hässlich, die Sonne nervig, es konnte nur besser werden. Ich füllte meine Trinkflaschen in Yvonand mit 2l billigem Multivitaminsaft auf, trank ein Redbull und ass eine Banane und ein paar Aprikosen. Weiter gings. Immerhin jetzt auf einem Radweg und es gab immermal wieder kurze schattige Abschnitte. Vom Neuenburgersee war aber nichts zu sehen, der lag irgendwo hinter vielen Bäumen, Sträuchern und Schilf. 3 km weiter an einem Trinkwasserbrunnen vor einem Sportplatz hab ich dann mein Laufshirt ins Wasser gelegt (ich hatte ein Bikinioberteil drunter) und nass wieder angezogen. Die Abkühlung tat gut! So erfrischt lief ich dann ca. eine Stunde durch ein Naturschutzgebiet mit sumpfiger Schilflandschaft und erreichte ca. 15 Uhr nach 22 gelaufenen Kiometern Estavayer-Le-Lac, ein wirklich schönes Städtchen mit alten Häusern, Brunnen und Gassen am Neuenburger See.

Estavayer-Le-Lac

Ich hab dort wieder mein Laufshirt mit Wasser getränkt und meine Wasservorräte aufgefüllt. Aprikosen hatte ich noch genug und auch noch eine Banane war im Proviantbeutel, den ich beim Laufen in einer Hand hielt (er passte einfach nicht mehr in den Rucksack…). Also schaute ich mich ein wenig um (das Städtchen war echt schön) und rannte dann aber weiter, ohne den etwas ausserhalb liegenden Migros anzusteuern.

Chateau von Estavayer-le-Lac

Die nächsten 9 km gings schattige Wege im Naturschutzgebiet entlang und ich konnte das Laufen wieder geniessen. Manchmal blinkte hinter dem ganzen Schilf sogar der See auf, auf jeden Fall war es ein schöner Weg in der Natur.

Kiesweg durchs Narurschutzgebiet

Als ich dann nach 32 km Gletterens erreichte, war ich dann doch sehr froh über das Glacé aus dem Denner. Nur noch 10 km bis Culdrefin! Es ging noch ein Stück auf einem Holzplanklenweg durchs Naturreservat, ehe der Weg nach links direkt zum Seeufer abbog.

Holzplankenweg durchs Naturschutzgebiet
Sumpfidylle am Neuenburgersee

Wow der war jetzt aber wunderschön! Nach dem nächsten Ort (Portalban) entdeckte ich neben einzelnen Ferienhäuschen dann eine unglaublich schöne allgemein zugängliche Badestelle.

die allerschönste See-Badestelle ever

Es war kurz nach 18 Uhr, die Sonne schien, eine bessere Gelegenheit zum baden würde sich heute wohl nicht mehr bieten. Also hab ich bei km 37 nur 5 km vorm Tagesziel meine Tour nochmals unterbrochen für 100 Schwimmstösse im Neuenburgersee. Der Strand war ganz flach und sandig, das Wasser glasklar. Hier wohnten viele kleine Fische. Es war herrlich.

Als ich mich immernoch beeindruckt von der schönsten Badestelle ever abtrocknete, kam plötzlich ein Opa vorbei und grinste mich an. „Uneinheimische“ gingen hier wohl nicht so oft baden und ich war mit meinem 100km-Biel-Finisher-Shirt und dem an der Bauchtasche fixierten Schlafsack sowieso ein ganz besonders interessantes Exemplar. Jedenfalls hab ich ihm mit meinem eingerosteten Französisch erklärt, dass ich auf einem Trail unterwegs bin und das nächsten Tagesziel heute Culdrefin wäre. Auf die Weise hab ich dann auch gleich noch erfahren, dass Culdrefin einen FKK-Strand hat 🙂

Erfrischt und glücklich kam ich 19:30 Uhr jedenfalls in Culdrefin an und entdeckte neben dem öffentlichen Dorfstrand mit Grillstelle einen idealen Winkel zum Campen. Schnell stand das Zelt, ich zog mich um, wusch meine Sachen und brach auf Richtung Campingplatz, um noch etwas zum Essen zu suchen.

wild Campen in Culdrefin

Der Denner hatte ja nun leider schon zu, ich war also verzweifelt auf der Suche nach einem Restaurant. In Culdrefin fand ich zum Glück ein Bistro und ass Käseschnitte. Nicht so toll wie die Spaghetti am Vorabend aber was besseres hatten sie nicht und es machte immerhin satt.

Mein Nachtessen am 3. Tag

Duschen musste ich an dem Abend nicht mehr, das Bad im See hatte gereicht. Aber ich war natürlich froh über das Campingplatz-WC und lud meine leere Powerbank über Nacht im Damen-Waschraum auf. Manchmal muss man einfach Vertrauen haben, sie war am nächsten Morgen jedernfalls noch da, aber leider nur partiell aufgeladen, da das Kabel kaputt war (Wackelkontakt…).

22 Uhr machte ich mich auf den Rückweg zum Zelt.

Abendstimmung am Hafen von Culdrefin

Als ich dann eine Stunde später an meiner „privaten“ Badestelle am See sass und die Zähne putzte, war das wieder so ein Moment, den ich nicht vergessen werde. Die Wellen plätscherten, ich war ganz allein, es war dunkel und es war so ruhig und friedlich. Man sah am anderen Seeufer die Lichter von Neuchâtel.

Wieder im Zelt machte ich schnell das Licht aus, weil es kamen Einheimische mit Hunden vorbei. Dann war es ganz still, nur der monotone Klang der Wellen. Das hätte jetzt eine wundervoll entspannende Nacht werden können. Hätte. Wenn Conny eine Matte dabei gehabt hätte. So war es einfach nur verdammt hart. Härter als die Nächte davor, weil der Untergrund war einfach Erde und die Strandwiese nebenan sehr gepflegt, so dass ich auch kein Material zum Polstern beschaffen konnte. So lag ich wach, bis die Sonne aufging und zählte die ab Mitternacht lautstark quakenden Frösche.

Tag 4, 18.07.2019 (Donnerstag), 58 km:

Am nächsten Tag 6 Uhr erwachte ich totmüde und zerschlagen aus einer Art schlafähnlicher Benommenheit und wusste, ich musste los. Heute wollte ich 58 km schaffen bis Solothurn, dafür musste ich spätestens 8 Uhr loslaufen, besser schon vorher.

Beim Zusammenpacken merkte ich, dass das Zelt innen und aussen pottdreckig war. Die Laufschuhe hingen voll Dreck und ich hatte sie zum Schutz vor Schnecken in der Nacht ins Zelt genommen und die Zeltunterseite war auch braun durch den erdigen Untergrund. Also war früh halb 7 erstmal Zeltwaschen angesagt, dann Zusammenpacken und kurz nach 7 Uhr lief ich los Richtung Camping Culdrefin. Da lag ja auch noch meine Powerbank im Waschraum, ich putzte Zähne und setzte die Kontaktlinsen ein. 7:40 Uhr war ich wirklich parat und hatte einfach keine Lust, noch die Viertelstunde bis zum Öffnen des Denners abzuwarten. Ich wollte meine restlichen Datteln frühstücken und hatte totmüde irgendwie übersehen, dass der nächste mögliche Verpflegungspunkt in Lüscherz nicht 6 km sondern ganze 16 km entfernt war… So machte ich mich zerschlagen und hungrig früh 7:45 Uhr auf den Weg nach Solothurn.

Auf zum Bielersee!

Es ging dann kilometerweit einfach an Äckern entlang, ich kam aber noch einigigermassen zügig voran, sah 9:40 Uhr zum ersten Mal den Bielersee und erreichte kurz nach 10 Uhr den Landi in Lüscherz. Das war einfach eine mit zu verkaufenden Sachen vollgepackte Scheune. Erst nachdem ich dort zwei warme Energydrinks (den Rest der Grosspackung liess ich stehen) und 2l Orangensaft gekauft hatte, verriet mir die Verkäuferin, dass es um die Ecke auch noch einen Denner mit gekühlten Drinks und fester Nahrung gab. Also trank ich auf nüchternen Magen das eklige warme Landi-Gesöff (ich hatte es ja nunmal gekauft, die 2. Dose hab ich später dann aber weggeworfen) und mir wurde noch schlechter. Der Puddingplunder aus dem Denner machte es auch nicht viel besser. Die Sonne brannte erbarmungslos und ich war schlapp und mir war speiübel. Dann verwechselte ich den Abzweig und lief auf einer Hauptstrasse ohne Fussgängerstreifen einen unangenehmen Umweg bergauf. Irgendwann endlich der Radweg am See, den ich vom Ultrabielersee kannte.

Wasserwerk Hagneck

Noch 42 km bis Solothurn und ich schleppte mich nur langsam vorwärts und musste ständig Pausen machen… 11:30 Uhr dachte ich an Aufgeben. Oder an irgendwie bis Biel kommen und dort dann spätestens aufgeben. Aber irgendwie biss ich die Zähne zusammen und es ging weiter. 12:30 Uhr sah ich vor mir eine Badestelle und wollte erst einfach das Shirt nassmachen. Weil es aber soo anstrengend ist, das nasse langärmelige Shirt wieder anzuziehen und mir soo schlecht war, ging ich kurzerhand einfach mit Sachen baden. Das tat sehr gut.

Hier bin ich mit Shirt an im Bielersee baden gegangen


erschöpft aber erfrischt

14 Uhr erreichte ich Biel und mir war zu diesem Zeitpunkt seit ganzen 4 Stunden übel. Ich hatte mich bis hierher gekämpft, das Tagesziel war aber noch weitere 27 km entfernt.

Biel: Brücke über den Nidau-Büren-Kanal

Ich hab nicht viel nachgedacht, als ich dann am Bahnhof vorbei weitergelaufen bin. Es wär einfach zu schäbig gewesen, aufzugeben. Schliesslich war mir „nur“ schlecht und ich war müde, die Beine funktionierten aber immernoch einwandfrei.

Es folgten 6 endlose Stunden Quälerei. Ich war übermüdet und am Ende aber es ging trotzdem immer irgendwie weiter, meistens marschierend. Ab Pieterlen hätte ich jederzeit in irgendeinen Zug steigen können (die Strecke führte an Bahngleisen und Bahnhöfen entlang), ich wollte aber nicht aufgeben. Also nutzte ich einfach jede Gelegenheit zum Pause machen, hielt mein Kopftuch nass und kam dem Ziel unheimlich langsam aber stetig immer näher. Einige Passanten schauten mich erschrocken an, ich bot mit meiner ganzen Erschöpfung wohl ein schlimmes Bild. 19 Uhr waren es dann nur noch so 3 km bis zum TCS Campingplatz, Solothurn war in Sichtweite und ich bog rechts zur Aare ab. Ich wusste, dass ich es nicht weiter als bis zum Campingplatz schaffen würde (eigentlich hatte ich geplant, dort nur zu duschen und dann irgendwo im Wald mein Zelt aufzubauen), also suchte ich nach einem Stecken zum Stabilisieren des Zeltes, fand ihn auch und schnitt ihn zurecht. Da hab ich mich dann an der Säge meines Taschenmessers leicht geschnitten, es hat etwas geblutet und ich hab erstmals mein Verbandszeug gebraucht. Den Stecken benutzte ich dann als Wanderstab und lief wieder los und merkte ab dann ein Stechen im linken Knie. Joggen war plötzlich nicht mehr möglich. Zum Glück warens nur noch 20 min bis zum Ziel, die sich durch die Schmerzen sehr zogen. Am Ziel angekommen, testete ich die Funktion des Knies. Einknicken war nur unter schlimmen Schmerzen möglich. Ich hab noch kurz überlegt, ob es Sinn macht, im Campingplatz einzuchecken und den nächsten Tag abzuwarten, dann hab ich aber doch die nächste Verbindung nach Hause genommen. Zum Glück war vor dem Campingplatz eine Bushaltestelle.

Heimreise mit schmerzendem Knie

Im Nachhinein kann ich sagen: Es war eine gute Entscheidung gewesen. Am nächsten Tag gings dem Knie zwar besser aber es war noch nicht wirklich komplett wieder gut, ein weiterer Ultra hätte mit Sicherheit zu Schäden geführt.

So endete mein Weg am Tag 4 in Solothurn statt nach 5 Tagen in Auenstein (eigentlich hatte ich ja vor gehabt, von Genf nach Hause zu laufen). Aber hey: es sind ganze 195 km geworden und ich habe so schöne Dinge gesehen und so wertvolle Erfahrungen gesammelt. Ich weiss jetzt, dass ich einen Ultra-Trail schaffen kann und was ich dazu mitnehmen muss.

Das nächste Mal auf jeden Fall auch eine Matte 🙂