100km Biel 2019

Vor diesem Lauf wollte sich bei mir keine Vorfreude einstellen, ich hatte einfach viel zu wenig trainiert. Ich war wochenlang angeschlagen (nach den 79 km beim SUT war mein rechtes Fussgelenk zum Beispiel tagelang geschwollen und tat noch eine weitere Woche weh…) und habs aber auch schleifen lassen und war ziemlich sicher, jetzt beim Bieler die Abrechnung dafür zu bekommen. Ausserdem zeichnete sich ab, dass Valentin den 100er wegen regelmässig nach höchstens 20 km auftretenden Schmerzen an der rechten Achillessehne nicht würde finishen können.

Trotzdem standen wir beide am 6. Juni kurz vor 22 Uhr motiviert an der Startlinie. Es nieselte, war aber noch einigermassen warm. Wir beide trugen Regenjacken und stellten uns auf eine verregnete Nacht mit Wind und knapp über 10 Grad ein.

Dann gings los, die ersten Momente waren wieder Hühnerhaut pur, die perfekte Musik und der Jubel in den Strassen, wir wurden wie Helden in die Nacht verabschiedet.

Bald holten uns aber ganz triviale Probleme ein. Die Toiletten am Start waren kurz vor vorm Losrennen überfüllt und wir beide hofften auf den ersten Verpflegungsposten bei 3.5 km. Dort hatten die Veranstalter aber keine mobile Toilette aufgestellt. Die Rettung war dann irgendwo am Stadtrand von Biel eine kleine Bar am Strassenrand…

Gegen 23 Uhr nahm Valentin seinen im Laufrucksack platzierten mobilen Lautsprecher in Betrieb und wir hörten die Live-Berichterstattung von Radio Blitz, bei der auch Musikwünsche der Läufer erfüllt wurden. Valentin hatte DJ Bonsai, der ab 23 Uhr on air war, ja ein paar Tage zuvor eine ganze Liste spannender Songs geschickt und war dann irgendwie der Musicstar der Nacht 😂

Bis ca. Km 20 waren wir recht flott unterwegs und fühlten uns gut, alles schien möglich zu sein. Es regnete immernoch und war zudem noch recht windig. Wir waren beide froh über die Regenjacken, die hielten warm und schützten vorm Wind. So gegen Mitternacht sagte mir Valentin dann, dass ihm das Laufen alles andere als leicht fallen würde. Eine halbe Stunde später (nach ca. 20 km) meldete sich die Achillessehne am rechten Bein, wir marschierten und hatten die Hoffnung, dass es durch die geringere Belastung besser werden würde. Leider wurden die Schmerzen schlimmer und kurz nach 1 Uhr stand fest, dass Valentin den Lauf am nächsten Verpflegungsposten bei 26 km abbrechen würde. Ich war traurig. Ich wusste, was ihm der Lauf bedeutete und hatte mir so gewünscht, dass er es schaffen würde.

Er schaute mich an und sagte „Du schaffst das.“ und ich hätte heulen können. Es war halb 2 Uhr nachts, es war kalt, es regnete und zwischen mir und dem Ziel lagen 74 km… Aber ja, ich muss ja auch mal alleine was in die Reihe kriegen. Nun gut, ich konnte ja erstmal ein Stück weiterlaufen und schaun, was passiert. Also hab ich ihn, nachdem klar war, dass er mit den Sanitätern bald zurück nach Biel fahren konnte, schweren Herzens zurückgelassen. Ab jetzt war ich allein allein 😐

Valentin übergab mir aber noch seinen Lautsprecher und machte mein Handy Radio-Blitz-tauglich, und so vergingen die 4 km bis zum nächsten Verpflegungsposten trotz schwerer Beine recht schnell, stolz schickte ich ihm ein Foto vom 30 km Verpflegungsposten.

Nein ich wollte nicht einfach aufgeben, es war gerade alles doof aber jetzt war ich schonmal da und wollte soviele der 18 Verpflegungsposten wie möglich mitnehmen. Ich hatte nämlich schon 2 Wochen vorm Lauf eine geniale Abreissliste von Valentin geschenkt bekommen- auf jeder der 18 Seiten standen 3 Zahlen: Nummer des Verpflegungsposten, Kilometer bis zum nächsten Verpflegungsposten, Gesamtkilometer. So dachte ich immer nur bis zum nächsten Posten und riss immer, wenn ich einen erreichte, stolz ein Zetteli ab. Das half mir die nächsten Stunden enorm. Ein weiterer Aufsteller kam kurz nach 2 Uhr via Whatsapp: Valentin schrieb mir, dass er jetzt zurück in Biel wäre aber statt nach Hause zu fahren gleich den nächsten Shuttle nach Kirchberg nehmen würde um mich dort zu begrüssen bei km 56. Das hat mich total gefreut! Von dem Moment an hiess es: auf und die 24 km bis nach Kirchberg schaffen. Mir gings wirklich nicht gut und diese Motivation und die Ablenkung durchs Radio haben mir über die nächsten 3h geholfen.

Bei km 35 wurd mir am Verpflegungsposten dann übel. Ich erkannte aber zum Glück schnell den Grund, zog die Regenjacke aus (es war ca. 3 Uhr und hatte aufgehört zu regnen) und beseitigte den Hitzestau. Nur mit 2 Schichten (langärmeliges T-Shirt und darüber ein normales T-Shirt, statt mit eng anliegender Unterwäsche hatte ich die Brust diesmal mit Tape-Band vorm Wundwerden geschützt- grandiose Idee) ging die Übelkeit dann bald weg. Schon kurze Zeit später fror ich aber (obwohl ich zügig und ohne Marschierpausen unterwegs war) und zog mir die zum Glück im Rucksack noch mitgeführte Laufjacke über. Die war atmungsaktiv und hielt warm genug, um bis zum Sonnenaufgang nicht zu frieren. Ich kam die nächsten Stunden an vielen Läufern vorbei, die in sehr sommerlichen Sachen unterwegs waren und bei nur 10 Grad und Wind sicher kalt hatten. Es war so frisch, dass meine Hände sich eisig anfühlten und ich sie im Stoff der Jacke versteckten musste. Immer wieder wurden bei Radio Blitz Songs aus der Wunschliste von Valentin gespielt. Ich freute mich an der Musik und sang manchmal mit. Diese Ablenkung half mir über die schwerste Zeit.

km 47.5: Jegenstorf geschafft!

4:50 Uhr, nach fast 7 h Lauf, erreichte ich dann das 50 km-Schild und machte stolz einen Selfie.

Das am letzten Verpflegungsposten bei 47.5 km konsumierte Coffeingel wirkte, ich fühlte mich wach, es tat nichts mehr weh und ich war guter Dinge es noch weit zu bringen. Kurz nachdem ich die halbe Strecke geschafft hatte, meldete dann Radio Blitz den Zieleinlauf des Spitzenläufers. Krass, 100 km gefinisht in nur 7h und 1min… Die Berichterstattung war dann nicht mehr so spannend und ich stellte das Radio ab. Das Vogelgezwitscher im wunderschönen Waldstück kurz vor Kirchberg war viel schöner. Die feuchte Morgenluft roch so gut und ich erinnerte mich, dass ich an genau dieser Stelle bei ca. Km 53 auch letztes Jahr voll im Hoch gewesen war. Gegen 5:15 Uhr fühlte ich mich wunderbar und war immernoch hellwach. Was jetzt vor mir lag, war nichts Neues, ich war ja schon ein paar Mal nach Karaoke-Veranstaltungen 5 Uhr morgens 22 km nach Hause gejoggt, die nächsten 3 Stunden würd ich also auf jeden Fall schaffen.

Gegen halb 6 (es war hell geworden und ich brauchte die Stirnlampe nicht mehr), lief ich dann fröhlich in das Areal der Mehrzweckhalle Kirchberg ein und wurde von Valentin begrüsst. Kurz nach dem Abstoppen kam dann aber gleich wieder ein Übelkeitsanfall. Ich war sehr froh, im Dropbag 2 Redbull stationiert zu haben, eines trank ich sofort halb aus, das zweite nahm ich als Geheimwaffe gegen eine weitere Übelkeitsattacke mit. Und weiter gings mit leichterem Gepäck (ich gab Valentin seinen Lautsprecher zurück und konnte die Laufjacke und einigen unnötigen Ballast wie die mitgeführte Thermowäsche und eine 1. Hilfe-Tasche im Dropbag zurücklassen), es lagen ja noch 44 km vor mir.

Ab jetzt konnte ich die Kilometer rückwärts zählen, ich war „überm Berg“.

Ich war in der zweiten Hälfte und kam an vielen bekannten Stellen vorbei (durch den Lauf Jegenstorf-Biel schon 3x abgelaufen). Ein Highlight war kurz hinter Geralfingen der „lachende“ Hahn (im Dezember war er wohl im Stall aber beim letzten Bieler haben wir durch ihn ziemlich Spass gehabt).


Ab dem Selfie bei km 70 wusste ich dann irgendwie, ich konnte es schaffen. Es tat nichts mehr weh (nicht mal die rechte Ferse), ich war wach und fit und musste einfach nur immer mal wieder gegen Übelkeit ankämpfen. In Bibern (km 78) war mir schlecht und ich fühlte mich entkräftet.

Verpflegungsposten Bibern, km 78
nach Bibern gings steil bergauf

Da kam die längere Marschierpause am Anstieg gerade recht. Abwärts bin ich flott gerannt, es ging deutlich besser.

Beim Verpflegungsposten 81 km (Lyss) hab ich dann auf dem WC (kein mobiles WC sondern ein richtiges) meine Schlauchmütze nass gemacht und als Sonnenschutz und zur Abkühlung aufgesetzt. Das und das konsumierte Gel half sofort gegen die Übelkeit.

Ab jetzt war die Reststrecke wirklich machbar aber ich hatte durch die Übermüdung auch Probleme, aufmerksam zu sein. Über das letzte „langweilige“ Stück des Laufes war ich deshalb wirklich froh. Immer an der Aare lang, einfach geradeaus zum Ziel auf einem lauffreundlichen Kiesweg, genau wie die letzten 15 km meiner am meisten gelaufenen 35km-Trainingsstrecke (von Brugg nach Auenstein).

Die Sonne und die Wärme erschwerten diese letzten Kilometer. Es zog sich und mir war immer wieder leicht übel, aber hey, mir tat nichts weh! Was mich bisher kein Stück interessiert hatte, war die Zeit. Jetzt so kurz vorm Ziel, zeichnete sich aber ab, dass sie besser werden würde als 2018, ich konnte sogar unter 14 h finishen. Obwohl ich um das zu schaffen nur 40 min Puffer für die letzten 5 km hatte, machte ich am letzten Verpflegungsposten dann nochmal 5 min Pause: nochmal aufs Klo, umziehen (es war halb 12 und pralle Sonne und zu warm mit 2 Schichten und langem Laufshirt), dann hab ich noch meine Kopfbedeckung nass gemacht und das mitgenommene Redbull halb ausgetrunken. Und dann fühlte ich mich fit und rannte los. Noch 4.5 km bis zum Ziel! So kurz vor Biel standen am Wegrand immer wieder Menschen, die mir applaudierten und mir gute Wünsche zuriefen. Ich überholte dutzende Läufer, die nur noch marschieren konnten und auf diesen letzten Kilometern von Velobegleitern motiviert wurden. Mir gings super. Die Beine waren locker, der letzte Boxenstopp hatte mir Kraft gegeben. Der letzte Kilometer dann schnell, ich konnte die 14 h noch knapp unterbieten! Ca. 300 m vorm Ziel wartete dann tatsächlich Valentin am Strassenrand und rannte die nächsten 100 m neben mir. Freude pur!!! Alleine bog ich dann in den Finisherbereich ein und gab nochmal alles!

mein Zieleinlauf

Nein, die 100 km hatten mich nicht totgekriegt, da ging noch was! Alle jubelten, mein Name wurde durchgesagt ich hatte es nach 13h 59min und 24 sec geschafft! Und völlig unerwartet stand dann auch noch im Ziel mein Mann vor mir. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sooo lieb!! Jetzt hatte ich einen Taxi-Service nach Hause. Ich war einfach nur wahnsinnig glücklich über diesen Moment und glücklich, es ganz alleine geschafft zu haben.